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Ist die Pädagogik noch zu retten?

Die Pädagogik, die Wissenschaft der Erziehung und Bildung, steckt in einer tiefen Krise. Wahrscheinlich mag die Krise ihren Ursprung bereits in ihrer geschichtlichen Entwicklung in der Antike finden. Auch wenn sie als wissenschaftliche Disziplin erst im Jahr 1779 durch die Gründung des ersten deutschen Lehrstuhls in Halle ihren eigenen Platz in der universitären Landschaft einnahm, entspringt ihre Begrifflichkeit der Antike. Hier war der paidagogos (Knabenführer, Zuchtmeister, Aufseher) ein Sklave, welcher die Knaben aus wohlhabenden Bürgerfamilien auf dem Weg in die Schule begleitete. Er achtete darauf, dass dem Knaben nichts geschah und züchtigte ihn zu gutem Benehmen.

Bis heute verbinden viele den/die Pädagog*in mit Erzieher*innen, den Menschen, der vornehmlich Kinder, dazu anleitet, sich in der gegenwärtigen Welt zurecht zu finden. Der/Die Pädagog*in erzieht zur Moral und zu Werten, vermittelt das Wissen und die Fertigkeiten, ein angepasstes Individuum im gegenwärtigen System zu sein. Im aktuellen Erziehungssystem ist der/die Schulpädagog*in, versklavt über das Beamtentum des Staates, dazu angehalten, berechenbare Staatsbürger*innen zu heranzuziehen. Innere Widerstände, die Kreativität und Unberechenbarkeit ermöglichen würden, werden dabei im Keim erstickt. Die Erziehung von Heranwachsenden ähnelt der Ziehung von Pflanzen, die nach den Wünschen und Vorstellungen des/der Gärtner*in gezogen, beschnitten und gestutzt werden.

Klassenzimmer in 1935 – heute sieht es nicht viel anders aus…

Bildungsinstitutionen wie Schulen konzentrieren sich vornehmlich darauf, Lernende mit Informationen vollzustopfen, bis sie diese im wahrsten Sinne des Wortes bei der nächsten Prüfung wieder herauskotzen. Hieran ändert auch ein DigitalPakt Schule 2019-2024 oder das 36. tausendste E-Learning Tool nichts. Im Gegenteil, während Informationen im 18. Jahrhundert noch ein knappes Gut und häufig durch Zensur geprägt waren, werden wir im 21. Jahrhundert von einer Unmenge an Informationen überflutet. Wissen ist zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar und extrem kurzlebig. Hinzu kommen dabei Falschinformationen, belanglose Katzenvideos und virale Panikmache. In Anbetracht dieser Tatsachen erscheint die Funktion der Bildung und Erziehung, welche einzig und allein auf Wissensaneignung ausgerichtet ist, geradezu obsolet . 

Was ist also los mit der Bildungswissenschaft? Ist die Lehre überhaupt noch zu retten?

Bei genauerer Betrachtung wird das didaktische Denken auch heute noch von Comenius’ Ansätzen der „Didacta Magna“ geprägt. So meinen viele Lehrpersonen noch immer, es wäre möglich, allen Menschen alles zu lehren. Dabei wird angenommen, dass es nur eine bestimmte Methode in der Lehre braucht, um Lernenden einen besseren Zugang zum Lernen zu verschaffen. Und so wird von vermeintlichen Bildungswissenschaftler*innen, Pädagog*innen und Erziehungswissenschaftler*innen nach dem heiligen Gral der Vermittlung gesucht. Hier werden Unterrichtskonzepte geändert, dort digitale Medien eingeführt und wieder woanders wird nur noch digital gelernt. Doch all diese konfusen Basteleien am Lehr-Lern-Geschehen ändern nichts an der Tatsache, dass im Grunde genommen die Problematik in der Vorherrschaft des Inhalts, also der zwanghaften Wissensvermittlung, liegt. Es ist wirklich absurd anzunehmen, dass eine bestimmte Lehre existiere, die Menschen besser und motivierter lernen ließe. Doch genau mit dieser fatalen Annahme werden Lehrende auch heute noch universitär ausgebildet. (Ich darf dies schreiben, da ich dies selbst in meinem Studium des Gymnasialen Lehramts erfahren musste.)  

Die Lehre ist somit als Vermittlungswissenschaft zu verstehen, weil der Lehrende die Lernenden anleitet, Tätigkeiten auszuüben oder ihnen theoretisches Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt. Versucht man den Begriff der Lehre aus dieser Sichtweise heraus zu erklären, so liegt der Fokus auf einer lehrerzentrierten Wissensvermittlung, die ausschließlich auf den „Input“ orientiert ist. Gelehrt wird, was Lehr- oder Ausbildungspläne vorgegeben und der/ die Lernende hat sich – wie immer – dem anzupassen. Doch scheint dies nicht zu funktionieren. Durch die Vermittlung eines sogenannten „heimlichen Lehrplans“ hält die Pädagogik eine Klassengesellschaft mit sozialer Ungleichheit aufrecht. 

Dabei könnte alles so schön sein…

Die komplexe Lernfähigkeit des Menschen macht ihn zu einem außergewöhnlichen Lebewesen. Von Geburt an ist der Mensch in der Lage, sich an unterschiedliche Gegebenheiten und neue Situationen anzupassen, aus Fehlern zu lernen und Erfahrungen weiterzugeben. 

Doch aufgrund einer auf Wissensvermittlung basierenden Didaktik haben viele Menschen verlernt, sich selbst zu hinterfragen, ihre Potentiale wahrzunehmen sowie ihre individuellen Kompetenzen und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Wenn man sich seine eigene Lernbiographie vor das innere Auge ruft, so ist das Lernen der meisten Menschen heute geprägt durch die Lernerfahrungen aus Schule, Ausbildung oder Universität. Die negativen Emotionen wie Prüfungsangst oder Langeweile sind nur wenige von einer Vielzahl negativer Erfahrungen. Das vermittelte Wissen war abhängig von dem/der Lehrer*in, von der Schule, ja sogar vom Bundesland und musste zu einem bestimmten Zeitpunkt in Form einer Klausur oder Prüfung repetiert werden. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass man einen Großteil des so vermittelten Wissens zu einem späteren Zeitpunkt wieder vergessen hat. Viele Menschen sind dadurch lernentwöhnt und erleichtert, nach der Schule und Ausbildung endlich ausgelernt zu haben.

Die aktuellen Herausforderungen der Postmoderne stellen die Bildungswissenschaft vor große Aufgaben. Wie ist die Lehre zu retten, um Lernende wieder an eine selbstgesteuerte Aneignung und Anpassung heranzuführen? Aktuelle Lern- und Gehirnforschungen beweisen, dass Menschen als kompetente und wissbegierige Lernende auf die Welt kommen und Bombastisches lernen können, wenn man sie nur lässt und nicht kränkt, vorverurteilt, entmutigt und langweilt. 

Der eingangs erwähnte paidagogos muss sich deshalb zu einem Lernbegleiter*in und -Berater*in wandeln, der das Selbstlernen der Lernenden ermöglichen, anregt und unterstützend begleitet. Nur wer über Reflexion einen Zugang zu seinem persönlichen Lernen entwickelt, ist in der Lage, selbstgesteuert zu lernen und ist sich so seiner individuellen Potentiale und Kompetenzen bewusst. Dieser Prozess der selbstständigen Aneignung neuen Wissens und vor allem der Herausbildung und Einübung von Kompetenzen kann niemals vermittelt werden. Gleichwohl kann Selbstlernen aber ermöglicht, unterstützend begleitet und angeregt werden. Technologische Tools sind hier eine sinnvolle und wichtige Unterstützung, aber niemals ein Substitut für pädagogisches Handeln und Denken.  

Ja, die Pädagogik ist zu retten.

Sie ist zu retten, wenn Sie endlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und systemisch-konstruktivistischer Pädagogik und ihrer angrenzenden Erwachsenenbildungswissenschaft anerkennt, den Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt und die Entwicklung der Informationstechnologie und Ökonomie kritisch mitgestaltet, statt selbst von dieser gestaltet oder gar abgelöst zu werden.

Deshalb ein abschließender Appell an alle Bildungsakteure, ob Eltern oder Schulleitung, Lehrkraft, Erzieher*in oder Trainer*in: Lasst das Lernen endlich frei und begreift Bildung nicht länger als Wissensanhäufung! Begreift Bildung stattdessen als Selbstreflexion, und macht euch gemeinsam mit uns auf den Weg eine Bildung zu gestalten, die eine autonome, selbstbestimmte, resiliente und veränderungwillige Gesellschaft, eine Gesellschaft 2.0 formt. Eure Kinder und Enkelkinder werden es euch danken!

Über die Autorin

Franzis Vision ist, das klassische Bildungssystem zu revolutionieren. Nach ihrem Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt musste Sie feststellen, dass sie in diesem Umfeld keine Mitstreiter*innen finden würde. So verabschiedete sie sich von konventionellen und wissenschaftlich veralteten Lerntheorien, um sich fortan in der Erwachsenenbildung mit der Lern- und Hirnforschung sowie systemischen Pädagogik auseinanderzusetzen. In unseren beWirken Journeys macht sie Lernen zu dem machen, was es eigentlich ist: Ein individueller, lebenslanger Prozess, der auf Freude an Entwicklung und am (Neu-)Entdecken beruht.

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